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Cesare Lucchinis aktuelle Bilder seit dem Jahr 2000, meist großformatige Gemälde, geben Rätsel auf: Sie zeigen ein Dickicht energisch gesetzter Striche und flächiger Farbakzente, das sich wie das undurchdringliche Unterholz eines verwilderten Waldes gegen ein Eindringen in seine Geheimnisse sperrt. Die Bildhrer sind, in einer abstrakt expressiven Gestik gemalt, pseudogegenständlich. Diese Objekte lassen sich nur selten eindeutig als Dinge oder Wesen, die uns aus unserem Lebensalltag vertraut sind, identifizieren. Was die Erkennbarkeit erschwert, ist das irritierende Fehlen klarer Grenzen zwischen den dargestellten Gegenständen und ihrer Umgebung. Die Übergänge sind verwischt. Schleier ziehen sich über die Mehrzahl der Bildoberflächen. Wie bei einem Schnee- oder Sandsturm verlieren die Gegenstände dadurch ihre Autonomie und die Bildtiefe verschliesst sich rasch zur undurchdringbaren Fläche. Diese Bilder funktionieren nicht als ein Bühnenraum, auf dem sich etwas präsentiert, auf dem etwas passiert. Sie offenbaren sich vielmehr als Projektionsflächen rätselhafter, dunkler Visionen.

Die Gemälde gleichen Palimpsesten. Wie auf solchen breiten sich auf Lucchinis neuen Arbeiten Gegenstandszeichen über verworfenen und ausgelöschten Notaten aus, um ihrerseits von Nachfolgendem verdrängt und überlagert zu werden. Gewisse gestisch-abstrakte Zeichen, die wie Geschriebenes aus Linien bestehen, sind mehrdeutig und können bisweilen auch figurativ aufgefasst werden. Ihr spontaner Linienfluss erinnert an prähistorische Höhlenmalerei. Allerdings lassen sich diese polivalenten Gebilde ihres Fragmentcharakters wegen – wie die Kleckse im Rorschachtest – höchstens assoziativ ergründen. Lucchinis Anspielungen auf Gegenstände sind jedoch nicht zufällig. Insofern würde es zu kurz greifen, seine neuen Bilder einfach als gegenstandsfreien abstrakten Expressionismus oder als Informel zu deklarieren. Diese Werke lassen im Gewirr informeller Impulse Erinnerungsfetzen an die uns alle gemeinsame Erfahrungswelt aufscheinen. Lucchini macht damit seine Gefühle und Empfindungen über bestimmte Ereignisse in der Welt sichtbar. Seine Bilder sind nie Spiegel der Wirklichkeit, sondern Echos emotionaler Betroffenheit, die er in einer lyrisch-abstrakten Bildsprache zum Ausdruck bringt. Seine neuen Bilder tanzen vor unseren Augen wie die Schatten in Platons Höhlengleichnis vor den Angeketteten.

Cesare Lucchini hat einen wesentlichen Beitrag zur abstrakt-expressiven Malerei seit den sechziger Jahren geleistet. In seiner kraftvoll energischen Kunst hat er den Bezug zu den Themen des existentiellen Realismus, wie ihn Alberto Giacometti und Francis Bacon praktizierten, nie preisgegeben. Malerei ist für ihn nie nur dekorativer oder konzeptueller Selbstzweck. Zu Beginn seiner prägenden Jahre in Mailand befasste er sich nicht nur mit der Avantgarde, mit Künstlern wie Emilio Vedova und Nicolas de Staël, sondern auch mit den grossen Vertretern des italienischen Realismo, vor allem mit Giorgio Morandis lichterfülltem malerischen Minimalismus. Aber auch Edvard Munch, dem er 1964 eine Hommage widmete, ist eine Richtgrösse. Für seine Entwicklung eminent wichtig ist - nach den informellen Anfängen - die Rückkehr zu einer zwischen Surrealismus, Pop art und Nouveau Réalisme zu verortenden neuen Gegenständlichkeit; der diesbezügliche Bezugspunkt in der Schweizer Kunst liegt bei Wilfrid Moser.

Lucchinis Ziel, durch seine Malerei immer auch Stellung zu bohrenden Lebensfragen zu beziehen, führte zur intensiven Auseinandersetzung mit der deutschen Kunst von Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ bis zu Max Beckmanns und Otto Dix’ obsessiver Verarbeitung ihrer Kriegstraumata. Und natürlich wurden ihm Georg Baselitz’ und Anselm Kiefers Stellungnahmen zur deutschen Geschichte zur Offenbarung. Ihre Befragung der eigenen Gegenwart beschäftigt auch ihn. Lucchini hat mit seinen eigenen bildnerischen Mitteln eine elementare Ausdruckssprache entwickelt. Im Vergleich mit seinen deutschen Kollegen verzichtet er auf direkte historische Verweise. Sein Informel ist eine Malerei farbiger Schatten, durch die Blitze und Feuer zucken. Er spiegelt keine realen Szenen, er rekonstruiert sie auch nicht, er zeigt in seiner Malerei die flüchtigen Reflexe auf Platons Höhlenwand.
(Matthias Frehner)





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